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Unterwegs mit Arundhati Roy:
Die Göttin der kleinen Leute

(Annabelle, 21/2001)

Ruhe, wieder ein privates Leben und "keine Interviews, keine Pressekonferenzen mehr". Für einen Moment träumt Arundhati Roy. Dann kehrt die Schriftstellerin in die Gegenwart zurück; in ihre Wohnung in Neu Delhi mit den orangefarbenen Wänden und dem gelben Sofa. Zu uns - den Journalisten aus Europa.
Arundhati Roy spricht leise. Der indischen Staatselite redet sie trotzdem viel zu laut. Seit die 40-Jährige die Atombombenversuche ihres Landes kritisiert hat und sich gegen den Sardar Sarowar-Staudamm an der Narmada, Indiens drittgrößtem Fluss, engagiert, ist sie bei den Mächtigen in Ungnade gefallen.
Das war Ende der 90er Jahre ganz anders. Das sonnte sich Indiens Elite im Erfolg der "weiblichen Rushdie". Gleich mit ihrem ersten Roman "Der Gott der kleinen Dinge" heimste sie den britischen "Booker-Prize" ein. Das war aus Indien nur Salman Rushdie gelungen.
Statt ihren Erfolg aber in bare Münze umzuwandeln und sofort einen zweiten Roman nachzulegen, verschrieb sich Roy der Politik; um "jenen eine Stimme zu geben, die in Indien keine haben".
Es ist dieses Engagement, dem wir die Einladung verdanken. Die Bestsellerautorin braucht die Öffentlichkeit. Für die Opfer der Staudämme. Für sich selbst.
Sechs Monate Haft drohen der Frau mit den kurzen schwarzen Haaren und dem koketten Lächeln. Wegen Missachtung des Obersten Gerichtes.
Dieses hatte im Oktober 2000 nach fünfjährigem Baustopp den Weiterbau des Sardar Sarowar Staudammes erlaubt. Die am Ende 136 Meter hohe Staumauer wird eine halbe Million Menschen vertreiben und ist nur eine von über 3.000 Dämmen, die im Narmadatal für das "ehrgeizigste Flusstal-Entwicklungsprojekt der Menschheitsgeschichte" errichtet werden sollen.
Gegen diese Pläne macht seit 14 Jahren die "Bewegung zur Rettung der Narmada" (NBA) mobil. Bei einer Demonstration gegen den Richterspruch soll Roy zusammen mit der Gründerin der NBA, Medha Patkar, und dem Anwalt Prashant Bhushan Morddrohungen gegen Mitarbeiter der Justiz ausgestoßen, einen von ihnen an den Haaren gezogen und das Gericht verächtlich gemacht haben, zitiert Roy die Anklageschrift.
Dabei verengen sich ihre Augen, zerknittern Falten ihre Stirn. "Ein kafkaeskes Theater", bricht es aus ihr heraus. All dies soll unter den Augen von 200 Polizisten geschehen sein. Unbemerkt! "Kein Polizist hat mich jemals befragt, keiner hat überprüft, ob die Beschuldigten anwesend waren", klagt sie.
"Wie können die obersten Rechtshüter eine derartige Klage annehmen?" Arundhati Roy blickt fragend zu uns herüber. Diese plumpe Demonstration der Macht. "Unfassbar".
Von unten kriecht das einsame Geknatter einer Autorikscha in den ersten Stock. Sofort wird es - ungewöhnlich für das laute Neu Delhi - wieder still. Doch Roys kleine Dreizimmer-Wohnung liegt im Stadtteil Greenpark, einer Mittelstands-Enklave mit Häusern samt Vorgärten, verkehrsberuhigten Gassen und kleinen Cafes. Hier lebt sie mit ihrem Ehemann Pradip Krishen, einem Filmemacher. Ein paar Stühle, ein Tisch und viele kräftige Farben - die ehemalige Architekturstudentin liebt es bunt und bescheiden.
Nur mit ihrem neuen iMac auf der Arbeitsfläche gestattet sie sich etwas Luxus. Anstatt darauf ihren neuen Roman zu beginnen, hat sie ihre zornige Replik an das Gericht getippt: "Die Anklage ist der rührende Versuch jene zu treffen, hinter denen die Ankläger die drei Hauptfiguren des Widerstandes im Narmadatal vermuten."
Auch darin entdeckten die obersten Richter gerichtsmissachtende Passagen. Nun droht Roy eine Strafe, obwohl die Justiz die absurden Vorwürfe inzwischen abgewiesen hat.
Roy sieht deshalb ihre Meinungsfreiheit in Gefahr. Nicht mehr sagen zu können, was sie denkt - dieser Horror verfolgt die 40-Jährige bis in ihre Träume: "Ich musste ins Gefängnis", erzählt sie uns. "Das war nicht schlimm. Wieder draußen, durfte ich aber keine Meinung mehr haben. Die ganze Energie musste ich dafür aufwenden. Furchtbar."
Sie spricht mit aufgerissenen Augen und schaut dabei wie ein Kind, das geschehenes Unrecht ungläubig bestaunt. Arundhati Roy erlaubt sich diese Naivität. Noch immer kann sie sich über Dinge ereifern, die ihr unmoralisch erscheinen. Ein Gefühl, das keine Kompromisse kennt, das sie vorantreibt und ihr Kraft verleiht. Zudem verfügt Roy über einen analytischen Verstand und die Gabe, komplizierte Dinge mit einfachen Worten zu beschreiben.
Dieses Vermögen hat ihr Feinde eingebracht, die ihr Leben zerstören können. Roy weiß das. "Die Dinge können sich an einem einzigen Tag verändern", hat sie in "Der Gott der kleinen Dinge" geschrieben, bevor sie ihre Romanfiguren in den Abgrund stürzt.
Die Narmada. Endlich. Erschöpft registrieren wir den mächtigen Strom im Tal. Irgendwo da unten liegt Domkhedi. Dort sind wir mit Arundhati Roy verabredet, weil die NBA zu einer Demonstration gegen den Sardar Sarovar aufgerufen hat. Also waten wir durch tiefen Matsch, atmen den Duft der nassen Hirsefelder und hören auf den prasselnden Regen.
Es ist nicht leicht, die Narmada zu erreichen. Keine Straße führt an dem 1.300 Kilometer langen Strom entlang und auf den Zufahrtswegen haben sich Polizisten positioniert, um möglichst viele Menschen an der Teilnahme der Protestkundgebung zu hindern.
Domkhedi liegt am Südufer, 50 Kilometer vom Sardar Sarowar-Staudamm entfernt. Die Ansiedlung aus ärmlichen Holzhütten ist nur ein von 80 Dörfern, die der Stausee überspülen wird. In einer der Behausungen haben sich zwei Dutzend Menschen angekettet. Das im Monsun stark gestiegene Wasser steigt über ihre Knöchel, ihre Knie, ihre Brust. Sie wollen lieber ertrinken als ihre Heimat verlassen.
Arundhati Roy verspätet sich. Polizisten haben sie zusammen mit anderen Demonstranten mehrere Stunden festgehalten. Jetzt bringt sie ein Boot der NBA über den Fluss, euphorisch begrüßt von den vielen Anwesenden. Zu sehen ist sie nicht. In ihrem Kleid aus weichem fließendem Blau verschwindet sie unter dem Blitzlichtgewitter der Journalisten.
„Wir gehen hier nicht weg, der Damm wird nicht gebaut“, skandiert Medha Patkar. Sie wirft ihre Faust in die Höhe, viele Hundert Fäuste folgen ihr. Die von Roy bleiben am Körper kleben, ihr Mund lächelt stumm. Laute Losungen sind genauso wenig ihre Sache wie Massenaufläufe.
Arundhati Roy fehlt es nicht an Herzlichkeit. Hier aber wirkt sie wie eine Städterin auf einer Bauernhochzeit. Ein wenig distanziert und schüchtern zugleich. Alles einen Tick zu elegant - die Kleidung, der Gang, die mit Kajal umrandeten Augen.
Ist das wichtig? Muss dieser Umstand im Vordergrund stehen? "Nein", sagt sie. Roy hasst diesen öffentlichen Schaulauf. Sie fordert die politische Auseinandersetzung, möchte aber nicht jede ihrer Bewegungen, die Farbe ihrer Haare und Garderobe kommentiert wissen. Deshalb hält sie Privates zurück, während die Autorin Roy nach vorne stürmt, "weil Schriftsteller von Geschichten angezogen werden wie Geier vom Aas".
Im März 1999 stapft sie zum ersten Mal durch Hirse- und Sorghumfelder von Domkhedi; spricht mit den Ureinwohnern, die hier seit vielen Generationen ein armes, aber freies Leben verbringen. Die "Adivasis" kennen weder Telefon noch Geld. In ihren Dörfern finden sich keine Läden, keine Schulen, keine Vertreter der Obrigkeit.
Den Kontakt zur Außenwelt bilden häufig nur die weißgekleideten Pilger, die betend den Fluss entlang wandern. Die Narmada gilt vielen Hindus als heiligster aller Flüsse, ihre Umrundung bedeutet ihnen so viel wie Moslems eine Reise nach Mekka. Unzählige Tempel und Schreine zeugen von dieser Jahrtausende alten Tradition.
Die Fortschrittsgläubigen schert das nicht. "Staudämme sind die Tempel des modernen Indiens", zitieren sie Indiens ersten Premier Jawaharlal Nehru. Nun überfluten die neuen Tempel die alten. An manchen Stellen ragt nur noch eine Spitze aus dem See.
Die Felder und Hütten der Adivasis verschwinden spurlos und mit ihnen die Menschen. Sie verdunsten wie Wasser in der Mittagshitze. Kein indisches Geschichtsbuch, keine Statistik erwähnt sie. "Sie sind Opfer eines verdeckten Krieges", sagt Roy.
Wir haben uns in eine Hütte zurückgezogen, wo wir auf dem nackten Boden sitzen. Eine verschließbare Blechkiste, zwei Töpfe an der Feuerstelle und ein Berg geernteter Sorghumkolben, eine tropische maisähnliche Frucht - mehr besitzt die Familie von Motesingh Patel nicht. Bald wird die Narmada ihnen das Dach über dem Kopf fortreißen. Entschädigt werden sie nicht. Die Familie muss gehen. Keiner sagt ihnen wohin.
Ein Schicksal von vielen. "Von so, so vielen", wiederholt Arundhati Roy leise. Die Erschütterung darüber hat sich in ihr Gesicht gegraben. Über den seelischen Abgrund verhilft sie sich mit Fakten. 3.300 Staudämme wurden seit der Unabhängigkeit errichtet. Für jeden mussten - vorsichtig geschätzt - 10.000 Menschen weichen, erklärt Roy.
Macht 33 Millionen Menschen. Zwei mal mehr als in Nordrhein-Westfalen, Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland, leben. Vertrieben unter dem Deckmantel von Entwicklung und Fortschritt. "Redet hier noch jemand von der größten Demokratie der Welt?", fragt Roy sarkastisch. Indiens Elite vertreibt Hunderttausende, um (angeblich) Millionen mit Trinkwasser zu versorgen. Roy nennt das "faschistische Mathematik".
Für die Opfer dieser Arithmetik gibt es keinen Platz mehr auf dem indischen Kontinent. Den Staudamm-Betreibern ist es in 14 Jahren nicht gelungen, auch nur ein einziges Dorf umzusiedeln, wie es die Baugenehmigung vorschreibt. Warum? Weil jeder Quadratmeter Boden genutzt wird, jede Parzelle längst verteilt ist. Die Vertriebenen landen in den Slums, wo sie um Almosen betteln, die Abfälle durchwühlen oder in Papphütten vor sich hin vegetieren.
"Stimmt, sie werden nicht ausgemerzt oder in Gaskammern geschickt", schreibt sie in ihrem Staudamm-Essay The Greater Common Good, "aber ich kann garantieren, dass ihre Unterbringung schlimmer ist als in jedem KZ des Dritten Reiches."*
Peng. Schluckt da jemand? Roy feuert Sätze ab wie ein Kanonier Granaten. Manchmal schießt sie übers Ziel hinaus. Doch anders als Soldaten trachtet sie ihren Lesern nicht nach dem Leben. Sie will nur deren zynischen Mauern einreißen, weil nur dann Engagement entsteht.
Ihre radikale Kritik hat den Staudammgegnern neue Publizität verschafft. Roy hat ihnen eine zornige, laute Stimme verliehen.
Es ist Abend geworden in Domkhedi. Arundhati Roy steht auf, rafft ihr Kleid und läuft barfuss zum Brunnen. Die Menschen machen ihr Platz. Respektvoll halten sie Abstand - wie es sich für Unberührbare geziemt. Ihre Gesichter spiegeln eine devote Dankbarkeit.
Eine Dankbarkeit, die anrührt und die Roy gleichzeitig in die Seele schneidet wie eine nasse Peitsche in Menschenfleisch. Weil sie das Grundübel offenbart, auf dem die Ungerechtigkeit fußt - dem Kastensystem.
Platz machen. Sich in den Sand werfen. Verschwinden. Ein Jahrtausende alter Reflex, der den Unberührbaren das Überleben sichert und sie von den Fleischtöpfen des Landes fern hält. In ihrem Bestseller "Der Gott der kleinen Dinge" hat sie diese indische Form der Apartheid gebrandmarkt.
Die Rigidität des System hat sie als Tochter einer alleinerziehenden Mutter im südlichen Bundesstaat Kerala erleben müssen. Schon als Kind wehrte sie sich dagegen. Mit 17 verließ sie ihre Mutter im Streit, lebte in den Slums von Delhi verkaufte in Goa Kuchen.
Heute dient ihr die Mutter als Vorbild. Diese war in den 60er Jahren bis vors Oberste Gericht gezogen, um gegen das diskriminierende Erbschaftsrecht zu kämpfen.
Arundhati Roy steht in dieser Tradition. Wie die Menschen in ihren überfluteten Hütten an der Narmada ausharren, will die Schriftstellerin den höchsten Rechtshütern die Stirn bieten. Viel steht auf dem Spiel. "Wenn wir zulassen, dass der Widerstand an der Narmada erstickt, wenn wir die Verrohung der Menschen dulden", sagt sie zum Abschied, "verlieren wir das Wichtigste, das wir haben: unsere Moral, oder was davon übrig ist."

* In der deutschsprachigen Übersetzung "... dann ertrinken wir eben" wurde diese Passage herausgekürzt. Erschienen ist das Essay in dem Sammelband: Das Ende der Illusion, erschienen im Karl Blessing Verlag, München 1999.

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