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Abya Yala, Venezuela Die Schlangengeburt Die Pemon im Südosten Venezuelas sehen ihre Kultur durch eine gigantische Stromleitung bedroht
und entdecken im Widerstand gegen das Projekt ihre Traditionen
"Wenn wir unsere Träume leben wollen, brauchen wir Platz", sagt Maria Luisa. Der Satz klingt wie ein Hilferuf - hingeworfen als Fehde-Handschuh. Die 48-Jährige richtet sich auf, streicht die Falten aus ihrem bunten Kleid und blickt über das endlose Grün aus Wiesen und Wäldern. Am Horizont erhebt sich der "Kukenan". Von diesem Tafelberg wachen die Götter über diese einsame Hochsavanne mit seinen klaren Flüssen, in der die Pemon-Indianer seit vielen hundert Jahren leben. Maria Luisa liebt diese "Gran Sabana" wie ihre Kinder. Und so verteidigt sie ihre Heimat auch. Ihre Kampfansage schleudert sie jenen entgegen, die den Pemon dieses naturbelassene Paradies streitig machen: Den Glücksrittern, Geschäftemachern und Regierungen, die nur am verwertbaren Reichtum des Landes interessiert sind - an Holz, Gold und Diamanten. Die Staatsgewalt aus Caracas hat den Südosten zur Ausbeutung freigegeben. Lange Jahre waren die Urwälder im Tiefland des Orinoco-Beckens wie das weiter südlich gelegene Hochland der Gran Sabana unbehelligt geblieben, weil Öl Venezuela reich gemacht hatte. Das Land leistete sich ein vorbildliches Umweltrecht und stellte ein Drittel des Staatsgebietes unter Schutz. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang beginnt nun der Abgesang. "Entwicklung ohne Grenzen" nennt die Regierung ihren räuberischen Plan, mit Gold- und Bauxitminen, Holzeinschlag und Tourismus die leeren Kassen zu füllen. Die dafür benötigte Energie soll eine gigantische Stromleitung in den Südosten liefern, die vom Guri-Damm im Norden über die Minenstadt Las Claritas weiter nach Boa Vista in Brasilien führt. Mit der Stromleitung komme der Fortschritt, sagt die Regierung. Für Maria Luisa hingegen symbolisieren die Aluminiummasten Vorboten des Todes, weil sie - ähnlich der Eisenbahn im Westen Nordamerikas - einer groß angelegten Invasion und damit dem Ende ihrer Kultur das Feld bereiten. Das wollen die Pemon verhindern. Seit nunmehr drei Jahren wehren sie sich gegen den Bau der 650 Kilometer langen Trasse. Sie demonstrieren, schreiben Petitionen und bemühen die Gerichte. Immer wieder haben sie die "Pan Americana", die Straße zwischen Venezuela und Brasilien, blockiert. Gebracht hat es wenig. Ihre Klagen wurden abgewiesen. Inzwischen ist die Leitung zu 90 Prozent fertiggestellt.
"Wenn es eine giftige Schlange gibt, die bald 100 ebenso giftige Schlangen gebären wird, dann musst du die Schlange vor ihrer Niederkunft töten, dann wenn es noch einfach ist", begründet Maria Luisa diese Aktionen und weiß nicht nur die Mehrheit der Bewohner aus ihrem Dorf San Rafael de Kaimoran hinter sich. Die Frau mit dem warmherzigen Lächeln, den vielen Runzeln um die Augen und der Machete in der Hand gehört zu den Leitfiguren des Widerstandes. "Wir wollen uns nicht mit den Arbeitern und Militärs anlegen, aber wir möchten selbst darüber bestimmen, was in unserem Land geschieht", erklärt die Mutter von fünf Kindern. Ihr Dorf aus 40 Hütten, einer Kirche, einer Schule und zwei Läden liegt den Hügel hinauf, eine kurze Staubpiste von der Pan Americana entfernt. Bananen-, Grapefruit und Pinienbäume schützen vor der glühenden Sonne. Um das Haus von Maria Luisa blühen Orchideen und Hibiskus. Wie ihre Vorfahren lebt die Familie von Fischfang, Jagd und Ackerbau. In San Rafael de Kaimorán können sie das auch. Kein Weißer darf hier siedeln, weil das Dorf in den Grenzen des Canaima-Nationalparks liegt. Rund 3.000 Quadratkilometer umfasst dieses Gebiet, das die Unesco 1994 zum Erbe der Menschheit erklärte. Eine Arche Noah, gezimmert für Pflanzen und Tiere, die nun auch die hier lebenden Ureinwohner schützt. Die Mehrheit der Pemon lebt jedoch außerhalb des Parks, dort wo ihrer Kultur die Vernichtung droht: "Wenn es uns nicht gelingt, unser Land zu bewahren, dann werden unsere Kinder in den Gossen der Großstädte landen und an den Busbahnhöfen um ein paar Groschen betteln." Neunzig Kilometer weiter nördlich ist diese apokalyptische Vision bereits Alltag. In Las Claritas. Bei Kilometer 88 der Pan Americana stehen Hütten, Kantinen, Bordells und Tankstellen. Morgens um sieben Uhr warten dort Männer mit muskulösen Schultern und schwieligen Händen an der Straße. Auf Lastwagen holpern sie an Urwäldern vorbei. Plötzlich öffnet sich das Grün, eine Landschaft aus Kratern und Halden wird sichtbar. In Tümpeln stehen tote Baumstümpfe. Über das Knacken verkohlender Äste erhebt sich das Meckern der Dieselpumpen, mit denen die "Mineros" Wasser unter Druck gegen Wurzeln und Erdreich richten. Der Schlamm fließt über Rampen, wo sich feine Goldpartikel ablagern. Täglich entstehen neue Mondlandschaften im Südosten von Venezuela. Unter dem Schutz korrupter Militärs und Politiker dringen die Mineros in eine atemberaubend schöne Natur vor. Jährlich entreißen sie der Erde Edelmetall im Wert von 100 Millionen US-Dollar. Zurück lassen sie zerstörte Flüsse und viele Tonnen Quecksilber. Das giftige Schwermetall findet sich im Wasser, in Pflanzen, Tieren und Menschen. Selbst die Fingernägel von Kindern enthalten bereits vier Mal so viel Rückstände wie Experten für unbedenklich halten. Als die ersten Mineros nach Las Claritas kamen, war Divizay Delfino, die jetzige Chefin der ansässigen Pemon-Kommune, zehn Jahre alt. Mit Kinderaugen verfolgte sie, wie sich die Neuankömmlinge ansiedelten und wenig später die Hütte ihrer Eltern einrissen, weil sie dem Goldboom im Wege stand. Dafür wurden sie in bunten Häuschen am Stadtrand einquartiert. Abends musste sie zuhause bleiben. In den Nächten schreckten Schüsse das Mädchen aus dem Schlaf. "Ohne Landrechte hatten wir der Invasion nichts entgegenzusetzen", sagt Divizay Delfino heute. Geändert hat sich daran wenig. Im Gegenteil. Die Kultur des schnellen Geldes entfaltet eine Sogwirkung, der sich auch die Indianer nicht entziehen können. In ihrer Sprache kennen sie kein Wort für Gier, aber aus vielen Pemon sind Goldjunkies geworden. Die Ureinwohner von Las Claritas haben gegenüber dem aggressiven Gebaren der Eindringlinge kapituliert. Das gilt auch für die Stromleitung, die hier mitten durch den Ort führt. Anfängliche Demonstrationen endeten in Rangeleien mit den wütenden "Mineros". Reaktionen wie diese kennen die Ureinwohner nicht. Ihre Kultur ist um Ausgleich bemüht. Wo dies unmöglich ist, packt einer der Kontrahenten seine Sachen - und geht. Oder er steckt zurück; wie im Fall der Stromtrasse. Die Proteste ebbten schnell ab. Und so verwundert es auch nicht, dass Divizay Delfino den Kompromiss mit der Regierung hinnahm und den Widerstand aufgab. Mit der kämpferischen Maria Luisa aus San Rafael de Kaimorán hat die 30-jährige Pemon-Chefin ohnehin wenig gemein. Nicht nur politisch. In ihren grünen Turnschuhen, der Jeans und der Baseballmütze gleicht sie eher einer Hauptstädterin beim Einkaufsbummel. Und so ähnlich lebt sie auch. Die zierliche Frau hat keinen Ehemann und keine Kinder. Ihr Geld verdient sie selbst; in der "Minera Las Cristinas" (Minca). Die Gesellschaft gehört dem kanadischen Minenkonzern Placer Dome und der halbstaatlichen "Corporación Venezolana de Guyana" (CVG). Unter dem 6.000 Hektar großen Gelände von Minca vermuten Geologen zwölf Millionen Unzen Gold. Genug, um hier die größte Goldmine von Südamerika in den Boden zu sprengen. Diese Vorkommen sind einer der Gründe, warum die Regierung die Stromleitung gegen alle Widerstände durchboxen will. Nach Las Claritas soll die Hälfte der gesamten Energie fließen. Doch das Gelände mit den Wohnbaracken für 3.000 Arbeiter ist verwaist. Ein Goldpreis unter 330 US-Dollar pro Unze lohnt die benötigten Investitionen von 575 Millionen US-Dollar nicht. Viele internationale Minengesellschaften haben Las Claritas bereits verlassen. Im Ort kursieren Gerüchte, dass auch Placer Dome gehen will. "Für die Anwohner von Las Claritas wäre das eine Katastrophe", sagt Divizay Delfino, wohlwissend, dass die Gegner der Stromleitung genau darauf hoffen. Wenn die Nachfrage ausbleibt, dürfte sich die Stromleitung - sie kostet schätzungsweise bis zu einer Milliarde Mark - nicht rechnen. Beirren lässt sich die Regierung davon nicht. Zu weit ist das Projekt fortgeschritten, als dass man es jetzt beenden wollte. Zudem drohen mit jedem weiteren Tag, den die Überlandleitung nicht wie vereinbart fertiggestellt wird, hohe Konventionalstrafen aus dem Stromliefervertrag mit Brasilien. Deshalb will die Staatsgewalt den Widerstand ersticken - mit allen Mitteln. Sie schickt Emissäre, "die nur reden wollen und nichts versprechen", wie Maria Luisa sagt. Der Präsident Hugo Chavez verunglimpft die Projektgegner als "von ausländischen Interessen manipulierte Marionetten". Den Rest besorgt das Militär. Südlich und nördlich von San Rafael de Kaimorán versperren Tonnen und Steine die Straße. Soldaten mit Maschinengewehren durchsuchen die Autos der Ureinwohner. "Sie wollen wissen, wo wir hingehen und was wir machen", erzählt Maria Luisa. In der Nacht kann sie kaum noch schlafen, seit maskierte Sondereinheiten in ihr Dorf gedrungen sind und die Bewohner bedrohten. Bereits einmal hat dieses Konzept aus Zuckerbrot und Peitsche funktioniert: Im Juli 2000 haben 27 von 32 Pemon-Gemeinden entlang der Trasse jeglichem Protest abgeschworen. In dem Vertrag mit der Regierung wurde ihnen eine schnelle Regelung ihrer Landrechte zugesichert und auf die Ansiedlung weiterer Industrie- und Tourismusprojekte verzichtet. Eingefädelt hat diesen Vertrag José Luis Gonzales, Vertreter der Pemon, seit August letzten Jahres Abgeordneter im venezolanischen Parlament und einst größter Gegner der Stromleitung. Dass der kleine stämmige Mann plötzlich zum Befürworter des Projektes mutierte, hat ihm reichlich Kritik von Umweltschützern und politischen Weggefährten beschert. Anonyme Flugblätter bezichtigen ihn der Käuflichkeit. Für José Luis Gonzales blanker Unsinn. "Die essentielle Frage ist doch, wie können wir das
wenige was uns geblieben Über den Preis spricht er ungern. Für die Verankerung ihrer Grundrechte hat José Luis Gonzales den Kampf gegen die Stromleitung geopfert. Das gibt er auf Nachfragen zu. Ein notwendiger Schritt, wie er sagt. Erst die Verfassung lege die Grundlage für eine stärkere politische Mitsprache der Indianer und die Basis für mehr Autonomie, erklärt er mit eindringlicher Stimme. Daran glaubt José Luis Gonzales so fest wie an die Verfassung. Auf was sollte er auch sonst hoffen in einer Gesellschaft, die ihre Ureinwohner bis heute als verschiebbare Konkursmasse einer vergangenen Epoche betrachtet? Das Dilemma bleibt: Mit der Verfassung verfügen die Ureinwohner über mehr Einfluss als jemals zuvor und bleiben doch so machtlos wie eh und je. Denn die Schutzformeln, wie sie das kleine rote Büchlein mit blumigem Pathos vermerkt, wirken nur, wenn die venezolanische Elite ihre Einhaltung betreibt. Daran aber ist weder der jetzige Präsident Hugo Chavéz noch die Opposition interessiert. Beide Parteien kann José Luis Gonzales nur zum Handeln zwingen, wenn er über ein politisches Druckmittel verfügt. Die Massenbewegung gegen die Stromleitung hätte ein solches Instrument sein können. José Luis Gonzales aber hat ihre Spaltung herbeigeführt. Es ist ein tragisches Stück, das der erste Vertreter der Pemon im Parlament zum Besten gibt: Um die Rechte der Indianer auf dem Papier festzuschreiben, hat er seine Hausmacht geopfert. Die fehlt ihm jetzt, um die Neuerungen der Verfassung auch in die Tat umzusetzen. "Es ist ein großer Schritt, dass unsere Rechte in der Verfassung stehen, aber wir können den Erfolg weder sehen noch berühren", kritisiert Maria Luisa sein Vorgehen. Die Auswirkungen der Invasion riechen, hören, sehen und spüren die Bewohner jeden Tag. Unten im Tal donnern zwei Lastwagen mit Baumstämmen aus Brasilien gen Norden, ein Bus transportiert Touristen gen Süden, während die Frau mit der Machete dem Helikopter zuschaut, wie er am Horizont Bauteile für einen neuen Strommasten heranschafft. Der Wandel geschieht unmerklich und schreitet doch rasend voran. Nur wenige Jahre existiert die Straße. Das reichte aus, um viele Pemon von ihrer Kultur zu entfremden. "Viele essen heute kein Maniokbrot, trinken kein Maniokbier mehr", umschreibt Maria Luisa diese schleichende Entwurzelung. Lange war ihnen diese Entwicklung nicht aufgefallen. Es bedurfte des groß angelegten Angriffs von Außen, dass sich die Ureinwohner über den Widerstand gegen die Stromleitung ihrer Traditionen und Werte besannen. Heute betrachtet Maria Luisa ihre Welt mit anderen Augen. Wenn sie durch ihr Dorf geht, erkennt sie in der kleinen katholischen Kirche den Brückenkopf einer fremden Ideologie. Auch in den 40 Einheitshäusern. Die Regierung hat sie vor 25 Jahren gebaut, um die traditionellen Hütten mit der Begründung niederzuwalzen, sie seien "unhygienisch und voller Ungeziefer". Dabei sollten "wir, die wir als Nomaden lebten, angesiedelt werden, um uns besser kontrollieren zu können", sagt Maria Luisa. Damals hatten die Bewohner zugestimmt. Heute wäre das undenkbar. Maria Luisa weist Bevormundung und Beeinflussung zurück, ohne dass sie einem illusionären Inseldasein das Wort redet. "Wir haben nichts gegen Touristen, Computer und neue Ideen", sagt die Frau in den Gummistiefeln. Aber wie diese gesteuert und genutzt werden, das will sie mitbestimmen. Die 48-Jährige hat keine Schule besucht, aber dafür gesorgt,
dass ihre fünf Kinder pünktlich zum Unterricht erscheinen. Das reicht
ihr nicht mehr. Ihre Enkel sollen auch lernen, "wie man fischt und
wie man jagt, sie sollen die alten Lieder singen und die Götter aufsagen
können". © Mike Netzhammer und die Global Aware Cooperative. mike@globalaware.org info@globalaware.org
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